Biografische Daten Walter Ballhause

 

Geb. am/in          3.04.1911/Hameln/Weser, Bauweg, direkt neben der Weser, als 5. Kind

Vater:                  Karl Ballhause, geb. 1877/Schuhmachermeister

Mutter:               Anna Ballhause geb. Helbig, geb. 20.07.1877, Lederstepperin

Geschwister:      Helene, Ella, beim Bombenangriff auf Hamburg umgekommen, Gertrud

                             Arthur, als Kind tödlich verunglückt

Ehefrau:              Henni Ballhause geb. Dohrmann, geb.18.01.1914.in Hannover, gest. 29.05.1996

Sohn:                   Rolf Ballhause, geb.27.11.1947 in Plauen

 

Kindheit:
In ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, traurige Erinnerungen an Verwundetentransporte, Hunger, Schieberei, Ehezerrüttung der Eltern. Mit 7 Jahren mit der Mutter von zuhause geflüchtet. In 8 Jahren 8-mal die Schule und mehr als 10 Mal den Wohnsitz gewechselt. Sie wohnten inWohnlöcher neben Hausdurchfahrten, teils ohne Heizung. Walter Ballhause erfuhr  Prügeleien durch Lehrer. Er geriet in
Konflikt mit den 10 Geboten (wegen Hunger Lebensmittel gestohlen).

 

Jugend:               
 1925          Berührung mit der Organisation der Arbeiterbewegung-"Freie Schwimmer 
                     Hannover", als Trainer gearbeitet
1925-1933  Mitglied im Arbeiter Turn- und Sportbund
1928-1938  Mitglied der Jungsozialisten

1929-1931  Mitglied der SPD

1929-           Kontakt mit den "Roten Falken" (Helfer im Ferienlager)

1931-           Gründungsmitglied der SAP, gemeinsame Fahrt mit  seinem Jugendfreund Otto 
                      Brenner zu  Gründungsparteitag der SAP in Berlin
 5.03.1933    wegen der Märzwahlen für 3 Wochen in Springe am Deister untergetaucht um einer
                      Verhaftung zu entgehen.
1934              erstmalige Verhaftung durch die Gestapo in Hannover wegen “linker Betätigung 
                       und Fotografie“. Versuch, ihn für NS-Zwecke (Fotografie) zu gewinnen, was er ablehnt.   
                       Einer nachfolgenden Vorladung wird durch ihn nicht Folge geleistet.

 

Ausbildung und beruflicher Werdegang: 

1917-1925   Mittelschule/Volksschule in Hannover
1925              Fabrikarbeiter in der HANOMAG Hannover
1926-1929   Laborantenlehre bei HANOMAG Hannover, anschließend arbeitslos
1931              Laborant in der HANOMAG Hannover, dann wieder arbeitslos

1933              kurzzeitige Arbeit bei der Firma Foto-Riek, Hannover

1934-1941    Laborant/HANOMAG Hannover

1938-1941    Studium von 6 Semestern im Abendstudium mit Abschluss als Chemo-Techniker

1941              Umzug nach Straßberg  bei Plauen/Vogtland

1941-1944    Laborleiter bei VOMAG Plauen

 
Fotografische Entwicklung:

Ab 1926/27 beginnt  Walter Ballhause beginnt mit einer billigen 9 x 12-Kamera zu fotografieren.

 Die Motive sind zunächst Gruppen-(z.B. Freie Schwimmer Hannover) und Landschaftsaufnahmen(z.B. Heide- und Nordseelandschaften).

Seine Ausbildung als Laborant ermöglicht ihm das eigenständige Entwickeln und Vergrößern als technische Basis für seine später von Fachleuten als hochqualitative Fotolaborarbeit charakterisierten Bilder. Sein Interesse für die Fotografie kommt über die Dunkelkammerarbeit, als bei Rotlicht aus der Fotoplatte Konturen auftauchen.

Da er durch seine linkssoziale Orientierung nach Austausch mit Gleichgesinnten sucht, tritt er der Foto-Gilde Hannover bei, der er aber wegen ihrer bürgerlichen Ausrichtung wieder verlässt. In Hannover gab es zu dieser Zeit keine Gruppe der Vereinigung der Arbeiterfotografen.

1929 bekommt er von seiner Freundin Lina Lengefeld ihre hochmoderne Kamera LEICA geliehen und fotografiert damit 1929 das Zeltlager der Roten Falken in Bothfeld bei Hannover und nachfolgend weitere Motive.

Über die Büchergilde Gutenberg kommt er in Kontakt mit dem Buch von Erich Knauf „Empörung und Gestaltung-Künstlerprofile von Daumier bis Kollwitz“, das er rückblickend als seine Universitäten bezeichnet. „Was ich in diesem Buch gefunden habe, habe ich jeden Tag auf der Straße gesehen“, sagt Walter Ballhause später zu seinen Bildern. Obwohl er sehr viel las, schätzte er das Knauf-Buch als das Werk ein, …“das ihm einzig und allein den Weg zum Kunstverständnis geöffnet hat“, so seine Einschätzung in einem Interview mit Michael Stiegler 1987. “Lasst euch das nicht gefallen, wehrt euch!“, waren die Schlussfolgerungen des damals 19-jährigen und seine Motivation die Kamera in die Hand zu nehmen und dieses zu dokumentieren. “Die Menschen in ihrer tiefsten Erniedrigung“(Walter Ballhause). „Überflüssige Menschen“, so ein Titel eines späteren Buches von ihm. So gelingt durch seine Begabung, mit Licht, Schatten und Gegenlicht, dass scharfe Kontraste schafft, grafisch außergewöhnlich ausdrucksstarke Bilder zu schaffen. „Ballhauses Bilder haben sich verlässlich ins kollektive Bildgedächtnis der Deutschen eingeschrieben“, schreibt Jörg Boström in seinem Beitrag für das Werk DAS JAHRHUNDERT DER BILDER 2009.
1930-1933 entstehen seine bedeutsamen sozialdokumentarischen Fotos über die Folgen der Weltwirt-schaftskrise in Hannover.

Der amerikanische Fotografie-Professor Walter Rosenblum bezeichnet 1987 seine Bilder von 1930-1933 als „Die langen Schatten einer untergehenden Zeit“.

 
Walter Ballhause fotografiert mit verdeckter Kamera in erster Linie Menschen aus dem proletarischen Milieu, „um die Menschen in ihre tiefsten Erniedrigung nicht zu beschämen“, Zitat Walter Ballhause. Er dokumentiert aber auch die heraufziehende Gefahr des Faschismus und die Frühformen des Faschismus auf den Straßen von Hannover.

Und ebenso die antifaschistische Gegenwehr, an der er als Mitglied einer SAP-Agitpropgruppe selbst teilnimmt. Seine Fotoserie, die den Überfall der Nazis auf die Hannoverschen Gewerkschaftshäuser am 1.04.1933, die er mit hohen persönlichem Risiko aufnimmt, zeigen die Konsequenzen der Machtergreifung. In einem Sonderdruck der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung von 1982 werden Bilder vom Überfall und der Machtergreifung gezeigt und ein persönlicher Kommentar von ihm: „Ich bin dieser Truppe nachgegangen, um zu wissen, was sie wohl im Schilde führte, und siehe da, ich kam zur rechten Zeit“. So gelangen ihm wenig später mit der verdeckten LEICA diese dramatischen Fotos.

Auf ihn aufmerksam geworden, erhält er 1932 von der österreichischen Zeitung „Der Kuckuck“, einen Reportage-Auftrag. Er erscheint in der Ausgabe Nr.43/1932 unter dem Titel „EINER VON MILLIONEN-22 Bilder aus dem Alltag des arbeitslosen Schlossers Karl Döhler“  aus Hannover mit seinen jeweiligen Bilduntertiteln-eine Hauptserie aus dieser Zeit.

Seine Bilder haben den Ausdruck ungestellter Wirklichkeit und eine hohe Authentizität. „Eine erstaunliche Verknüpfung von Talent, Schicksalsschlägen und Kunstfähigkeit“, wie es Hannes Schmidt 1985 formulierte.


Nach 1945 beginnt er als Bürgermeister der Gemeinde Straßberg das Schicksal der Flüchtlinge und Vertriebenen und das wiedererwachende Gemeindeleben zu fotografieren. Gleichermaßen dokumentiert er auch den Wiederaufbau eines Gießereibetriebes, der schwer zerstörten Stadt Plauen und gesellschaftliche Ereignisse. Landschafts-und Tieraufnahmen, sowie Urlaubsfotos mit Familie sind ebenfalls seine Motive.

„Er glaubte an den Sozialismus und wollte ihn mit aufbauen“. Das System der ehemaligen DDR habe er jedoch kritisiert und gegen die „Betonköpfe in der Partei“ gewettert, sagt Henni Ballhause in einem Interview mit der Hannoverschen Stadtteilzeitung 1991.

Im Spätsommer 1989 erlitt Walter Ballhause einen schweren ersten Gehirnschlag. Wie weit sich sein Bewusstsein den Übergang in das vereinte Deutschland erschließen konnte, kann nicht klar beantwortet werden. Äußern konnte er sich dazu nicht mehr.

                            

Seine Entdeckung als sozialdokumentarischer Fotograf beginnt 1972 mit seiner Beteiligung an einer Ausstellung der VVN-Bund der Antifaschisten „Niedersachsen im Widerstandskampf“ in Hannover, der er 100 Abzüge im Format 18 x 24 cm zur Verfügung stellt. Diese Wanderausstellung durch Niedersachsen, die in Hannover beginnt, war für ihn der Anlass, die Negative aus der Zeit von 1930-33 nochmals zu sichten. Durch diese Ausstellung bekommt er Kontakt zum Leiter des Freizeitheims Hannover Linden, Egon Kuhn, der ihm bei der weiteren Arbeit und Publikation seiner Bilder große Unterstützung gibt und fördert. Mit ihm und dem Freizeitheim war er Zeit seines Lebens freundschaftlich verbunden. Die zahlreichen Veröffentlichungen in nationalen und internationalen Ausstellungen, Bildbänden, Sachbüchern , Schulbüchern, wissenschaftliche Publikationen und Verwendung seiner Bilder in Filmen, zeugen vom Wert seines fotografischen Gesamtwerkes.
 In der DDR-Zeitschrift „Fotografie 10/73 werden der Fotograf und 6 seiner  Bilder vorgestellt, das ist der Beginn seiner Wiederentdeckung
Die Stadt Hannover benennt 2000 eine Straße mit einer Legendentafel nach ihm, mit

 dem Text
                           “Walter Ballhause 1911- 1991 Plauen DDR/BRD Lindener Butjer
                             Arbeiterfotograf Antifaschist Mitglied der SAJ und SAP in Linden“

 Eine besondere Würdigung erfährt er, als die DEFA 1982 einen halbstündigen  Dokumentarfilm über sein Leben mit dem Titel: Walter Ballhause-Arbeiterfotograf „Einer von Millionen“, dreht. Dabei wird er auch an den Originalschauplätzen in Hannover gefilmt und interviewt, z.B. in der Limmer Straße, wo u.a.  sein Foto „SA sorgt für Ruhe und Ordnung“ am1.04.1933 entstand.     
Eine ausführliche Darstellung des Gesamtwerkes und der Rezeptions- und Nutzungsgeschichte erfolgt noch in den aktualisierten Aufstellungen der Bibliografie, Personalausstellungen, Beteiligung an Ausstellungen und Dia-Ton-Vorträgen.

 

 Ca.360 Originalabzüge und das Fotoalbum Nr.7 „Soziale Fotos“, aus dem Walter Ballhause-Archiv, wurden von Henni Ballhause 1992 dem DEUTSCHEN HISTORISCHEN MUSEUM übergeben. Das Walter Ballhause-Archiv umfasst 530 sozialdokumentarische Fotos aus der Zeit von 1930-1933, 16 000 Negative insgesamt und 53 Fotoalben sowie umfangreichen Schriftverkehr aus seinem gesamten Leben.


Politischer Widerstand/ Haft : 
 
                    

30.08.1944-17.04.1945,
Gefängnis Plauen/Zuchthaus Zwickau (Schloß Osterstein). Nach Denunziation an die Gestapo Anklage zusammen mit 3 anderen VOMAG-Mitarbeitern wegen Wehrkraftzersetzung und Verdacht kommunistischer Betätigung in dem bedeutsamen Rüstungsbetrieb VOMAG Plauen (Serienproduktion von Kampfpanzer IV und Jagdpanzer IV).
Der geplante Prozess am Volksgerichtshof Berlin unter Vorsitz des berüchtigten "Blutrichters" Freisler
fällt aus, weil Freisler bei einem Bombenangriff ums Leben kommt. Die Prozessakten werden darauf-hin an das Oberlandesgericht Dresden überstellt. Dort verbrennen sie bei dem großen Bombenangriff auf Dresden am 13.02.1945. Was zigtausenden das Leben kostet, rettet den 4 Angeklagten das Leben.
Denn auf Wehrkraftzersetzung in einem bedeuteten Rüstungsbetrieb stand die Todesstrafe schon vorher fest. Durch das nahende Kriegsende wurde der Prozess verzögert. 

Es erfolgte die Befreiung am 17.04.1945 aus dem Zuchthaus Zwickau durch Einheiten der 87. Infanterie Division der 3. US Armee. Er erhält von den US-Behörden seinen Entlassungsschein und läuft zu Fuß von Zwickau nach Straßberg (ca. 35 km) zu seiner Frau. Dort erholt er sich etwas von den Folgen der Haft.

 
Entwicklung nach 1945:
 
1945-1947    Nach Abzug der amerikanischen Streitkräfte im Juni 1945 Bürgermeister der Gemeinde 

                       Straßberg
1945              Gründung der Ortsgruppe der KPD in Straßberg, dann Mitglied der SED
1947-1956    Gießereileiter  der PLAMAG-Gießerei Plauen

1954               Umzug nach Plauen       
1956-1971    Technischer Leiter der PLAMAG-Gießerei

 Ab 1971-Rentner

 

Walter Ballhause stirbt am 8. April 1992 in Plauen

 

Zusammengestellt habe ich die Biografie nach den Aufzeichnungen von Henni Ballhause von 1992,

dem ausführlichen Lebenslauf von Walter Ballhause, Interviews und Schriftverkehr von 

Walter Ballhause.

 

Plauen, am 2.Mai 2019

 

 

Rolf Ballhause

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                                       


 

 

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